Mythen über Barebacking

Ungeschützter Sex: Fragen und Antworten

Im Internet und in einschlägigen Magazinen sieht man immer mehr (schwule) Kontaktanzeigen und -profile mit dem Stichwort "bare" beziehungsweise "Bareback", oder es wird angegeben, dass Safer Sex egal oder Verhandlungssache sei - von HIV-Negativen wie von HIV-Positiven. Wir zeigen hier, um was es dabei alles geht, beantworten die häufigsten Fragen zum Thema und widerlegen einige Mythen:

1. Was ist eigentlich "Barebacking"?

2. Was sollte man bei der Frage "Barebacking - ja oder nein" beachten?

3. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Negativer oder Ungetesteter beim Bareback-Sex ein?

4. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Negativer bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Positiven ein, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt?

5. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Negativer bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Negativen ein?

6. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Positiver bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Negativen ein?

7. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Positiver bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Positiven ein?

8. Welches Risiko gehe ich beim ungeschützten Sex in punkto Geschlechtskrankheiten ein?

9. Wer trägt die Verantwortung, wenn Bareback-Sex praktiziert wird?

10. Mythen rund um Bareback-Sex


1. Was ist eigentlich "Barebacking"?

Unter "Barebacking" wird in der Regel der ungeschützte Sex verstanden (ursprünglich bedeutet das Wort "Reiten ohne Sattel"). Dazu gehören Analverkehr ohne Kondom, Fisten ohne Latexhandschuhe sowie die Aufnahme von Sperma in Mund oder Anus. Die genannten Praktiken beinhalten das Risiko, sich oder den Sexualpartner mit HIV zu infizieren, dem Virus, das für die Immunschwächekrankheit AIDS verantwortlich ist. Außerdem erhöht sich das Risiko einer Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie Hepatitis B und C, Syphilis oder Tripper.

2. Was sollte man bei der Frage "Barebacking - ja oder nein" beachten?

Man sollte sich schon im Vorfeld genau die Risiken (siehe Fragen 3-8) bewusst machen, die man einzugehen bereit ist. Wer auf ungeschützten Sex nicht verzichten möchte, sollte den HIV-Status mit seinem Sexualpartner klären. Dabei ist allerdings Folgendes zu bedenken: Auch wenn mein Partner angibt, HIV-negativ zu sein, gibt es dafür keine Gewähr. Selbst ein HIV-negatives Testergebnis hat nur eine begrenzte Aussagekraft, nämlich, dass ca. 12 Wochen vor der Blutabnahme (!) keine HIV-Infektion vorgelegen hat. Was in den zwölf Wochen vor der Blutabnahme und in der Zeit nach der Blutabnahme geschehen ist, darüber kann der HIV-Test keine Aussage treffen.

Wenn jemand ungeschützten Sex will oder nicht auf Safer Sex besteht, kann das übrigens manches heißen: Er ist positiv und geht davon aus, dass der Partner auch positiv ist. Oder er ist negativ (oder ungetestet) und geht davon aus, dass der Partner (auch) negativ ist. Oder er ist ungetestet und "lässt es drauf ankommen". Außerdem wissen manche positiven Männer nichts von ihrer Infektion (weil sie sich nicht haben testen lassen) und nehmen dann fälschlicherweise an, dass sie negativ sind. Und vielleicht erzählt ein Positiver auch nichts von seiner Infektion, weil er einen Rückzug des Partners oder seine Ablehnung fürchtet und eine schöne Situation nicht damit belasten will.

3. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Negativer oder Ungetesteter beim Bareback-Sex ein?

Als HIV-Negativer riskiere ich bei ungeschütztem Sexualverkehr eine Ansteckung mit HIV. HIV-positiv zu sein ist auch trotz der heutigen Behandlungsmöglichkeiten eine ernste Sache. Die HIV-Infektion ist eine schwere chronische Erkrankung, deren Behandlung das Leben häufig stark beeinträchtigt (z. B. durch Nebenwirkungen). Bei längerer Einnahme können schwere Folgeschäden auftreten (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leber- und Nervenschädigungen). Und eine Heilung = Entfernung des Virus aus dem Körper ist auch mit den derzeit verfügbaren Medikamenten nicht möglich!

4. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Negativer bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Positiven ein, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt?

Als HIV-Negativer gehe ich auch bei Positiven mit einer Viruslast unter der Nachweisgrenze ein Infektionsrisiko ein. Zwar ist das Ansteckungsrisiko dann - statistisch gesehen - geringer als bei hoher Viruslast. Aber die Viruslast bezieht sich lediglich auf die Zahl der Viruskopien pro Milliliter Blutplasma - in anderen Körperflüssigkeiten, z. B. im Sperma, kann sie sehr viel höher sein, und auch über das Blut bleibt ein Ansteckungsrisiko bestehen. Außerdem kann sich schon durch kleine Infektionen, z. B. durch eine Grippe, und durch andere Faktoren die Viruslast im Blut und in anderen Körperflüssigkeiten deutlich erhöhen.

5. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Negativer bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Negativen ein?

Wenn der Sexualpartner HIV-negativ ist, besteht natürlich kein HIV-Ansteckungsrisiko. Aber wie sicher kann man sein, dass der Sexpartner tatsächlich negativ ist? Gerade bei Kontakten, die über das Internet zustande kommen, stimmt nicht jede Auskunft. Das beginnt beim Alter, geht über gewisse Maßangaben bis hin zum "negativen" HIV-Status oder der Angabe, "gesund" zu sein. Damit soll niemand beschuldigt werden, absichtlich andere infizieren zu wollen. Aber auch ein HIV-negatives Testergebnis hat nur eine begrenzte Aussagekraft, nämlich, dass ca. 12 Wochen vor der Blutabnahme (!) keine HIV-Infektion vorgelegen hat. Was nach der Blutabnahme geschehen ist, darüber kann der HIV-Test keine Aussage treffen. Fazit: Ein HIV-negatives Testergebnis ist keine sichere Grundlage für ungeschützten Sex, weil ich in der Regel nicht einschätzen kann, ob der andere nicht in den 12 Wochen vor der Blutabnahme und in der Zeit nach dem Test HIV-riskante Sexualkontakte hatte - auch wenn er mir noch so "seriös" erscheint …

6. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Positiver bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Negativen ein?

Als HIV-Positiver kann ich einen HIV-negativen Sexualpartner mit HIV infizieren. Auch wenn der HIV-Negative dieses Risiko bewusst in Kauf nimmt, kann es dennoch belastend für mich sein, andere anstecken zu können. Dennoch ungeschützten Sex zu haben, ist eine Gewissensentscheidung, die mir niemand abnehmen kann. Ich sollte mir also vorher überlegen, was es für mich bedeuten kann, wenn ich einen Sexualpartner infiziere. Aber auch bei Internetkontakten gilt, dass beide Sexualpartner Verantwortung für sich selbst und für den anderen tragen. Deshalb sollten sich beide Klarheit darüber verschaffen, welches Risiko sie gemeinsam zu tragen bereit sind.

7. Welches HIV-Risiko gehe ich als HIV-Positiver bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Positiven ein?

Ein HIV-Positiver, der ungeschützten Sex mit einem anderen HIV-Positiven hat, kann sich zusätzlich mit einem anderen HIV-Virusstamm infizieren. Wie häufig dies geschieht und welche Folgen dies für den Infektions- oder Krankheitsverlauf haben kann, ist allerdings derzeit noch ungewiss.

8. Welches Risiko gehe ich beim ungeschützten Sex in punkto Geschlechtskrankheiten ein?

Unabhängig davon, ob man HIV-negativ oder -positiv ist: Beim ungeschützten Sex ist das Risiko, sich oder den anderen mit einer Geschlechtskrankheit zu infizieren, sehr viel höher. Dies gilt vor allem für Syphilis, Anal-Tripper und Hepatitis B und C. Zwar lassen sich Syphilis und Tripper medikamentös behandeln, doch sind die Infektionen sehr unangenehm und - wenn man(n) HIV-positiv ist - eine zusätzliche Belastung für das Immunsystem. Eine chronisch verlaufende Hepatitis B und C kann schwer wiegende gesundheitliche Folgen haben, bis hin zu Leberversagen und Leberkrebs - egal ob man HIV-positiv ist oder nicht.

Bei HIV-Positiven verlaufen Syphilis sowie Hepatitis B oder C schneller und schwerer, und die Infektionen sind schwieriger zu behandeln als bei Negativen. Außerdem belastet eine Hepatitis-Therapie die Leber, die bei Einnahme von HIV-Medikamenten eh schon stark beansprucht wird. Bei einem HIV-Negativen erhöht sich überdies das HIV-Infektionsrisiko, wenn er Geschlechtskrankheiten hat.

Egal ob HIV-positiv oder HIV-negativ: Bei häufig wechselnden Sexualpartnern sollte man sich unbedingt regelmäßig (z. B. alle sechs Monate) von einem Arzt oder einer Ärztin seines Vertrauens auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen. Das gilt auch, wenn man plötzlich körperliche Veränderungen an sich wahrnimmt (egal, ob man sexuell besonders umtriebig ist oder nicht). Gegen Hepatitis A und B gibt es eine Impfung, die sicheren Schutz bietet. Diese Möglichkeit sollte unbedingt wahrgenommen werden!

9. Wer trägt die Verantwortung, wenn Bareback-Sex praktiziert wird?

Verantwortung beim Sex haben alle beteiligten Sexualpartner - sowohl für sich selbst als auch für den/die anderen. Nicht jede Entscheidung aber, die ich für mich selbst treffen würde, ist auch für den/die anderen richtig - und umgekehrt. Deshalb ist es wichtig, vor dem Sex miteinander zu reden bzw. über Chat oder E-Mail den HIV-Status und die Risikobereitschaft zu klären. Solche Absprachen helfen jedem, eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen. Es gibt aber auch Situationen, in denen einer der Partner weniger oder gar nicht in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen - z. B., weil er Drogen oder Alkohol genommen hat oder weil er vor lauter Liebe alles um sich herum vergessen möchte. In diesem Fall hat der andere Partner dann sicher eine größere Verantwortung - und fühlt sich "hinterher" wahrscheinlich besser, wenn er für den anderen mitdenkt und auf riskanten Sex verzichtet.

10. Mythen rund um Bareback-Sex

  • Safer Sex ist nicht mehr notwendig, da es ja jetzt Medikamente gibt.

     

    • Falsch! Die heute verfügbaren Medikamente können HIV nicht aus dem Körper entfernen. Sie können lediglich den Infektionsverlauf verlangsamen. Eine Heilung ist nicht möglich.

  • HIV/AIDS geht doch nur Ältere etwas an.

     

    • Falsch! Gerade bei jungen schwulen Männern nehmen die HIV-Neuinfektionen deutlich zu! Auch wenn jemand jung, sportlich und attraktiv ist, kann er HIV-positiv sein oder sich mit HIV infizieren!

  • Alle machen "Bareback-Sex".

     

    • Falsch! Auch wenn in bestimmten Szenen vielleicht immer häufiger riskanter Sex praktiziert wird, heißt das noch lange nicht, dass alle das tun oder gar tun müssen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welches Risiko er einzugehen bereit ist.

  • Der andere wird mir schon sagen, ob er positiv oder negativ ist.

     

    • Falsch! Untersuchungen zeigen, dass sowohl HIV-Positive als auch HIV-Negative davon ausgehen, dass ihr Sexualpartner sie über seinen HIV-Status informiert. Dies geschieht aber häufig nicht. Viel häufiger wird einfach die für einen selbst "günstigste" Konstellation angenommen. (Klartext: Wenn ich positiv bin und der andere besteht nicht auf Safer Sex, gehe ich davon aus, dass er auch positiv ist. Oder umgekehrt: Wenn ich negativ oder ungetestet bin und der andere nicht auf Safer besteht, gehe ich davon aus, dass er auch negativ ist. Daher gilt: Nur die offene Frage, ob der andere positiv oder negativ ist, kann die Situation im Vorfeld klären!

Text: Deutsche AIDS-Hilfe, September 2003
www.aidshilfe.de

Letzte Änderung am Freitag, 9. Oktober 2015 um 13:18:02 Uhr.

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