Im Internet und in einschlägigen Magazinen sieht man immer mehr (schwule)
Kontaktanzeigen und -profile mit dem Stichwort "bare" beziehungsweise "Bareback",
oder es wird angegeben, dass Safer Sex egal oder Verhandlungssache sei - von
HIV-Negativen wie von HIV-Positiven. Wir zeigen hier, um was es dabei alles
geht, beantworten die häufigsten Fragen zum Thema und widerlegen einige Mythen:
1. Was ist eigentlich "Barebacking"?
Unter "Barebacking" wird in der Regel der ungeschützte Sex verstanden
(ursprünglich bedeutet das Wort "Reiten ohne Sattel"). Dazu gehören Analverkehr
ohne Kondom, Fisten ohne Latexhandschuhe sowie die Aufnahme von Sperma in Mund
oder Anus. Die genannten Praktiken beinhalten das Risiko, sich oder den
Sexualpartner mit HIV zu infizieren, dem Virus, das für die
Immunschwächekrankheit AIDS verantwortlich ist. Außerdem erhöht sich das Risiko
einer Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie Hepatitis B und C,
Syphilis oder Tripper.
Man sollte sich schon im Vorfeld genau die Risiken (siehe Fragen 3-8) bewusst
machen, die man einzugehen bereit ist. Wer auf ungeschützten Sex nicht
verzichten möchte, sollte den HIV-Status mit seinem Sexualpartner klären. Dabei
ist allerdings Folgendes zu bedenken: Auch wenn mein Partner angibt, HIV-negativ
zu sein, gibt es dafür keine Gewähr. Selbst ein HIV-negatives Testergebnis hat
nur eine begrenzte Aussagekraft, nämlich, dass ca. 12 Wochen vor der Blutabnahme
(!) keine HIV-Infektion vorgelegen hat. Was in den zwölf Wochen vor der
Blutabnahme und in der Zeit nach der Blutabnahme geschehen ist, darüber kann der
HIV-Test keine Aussage treffen.
Wenn jemand ungeschützten Sex will oder nicht auf Safer Sex besteht, kann das
übrigens manches heißen: Er ist positiv und geht davon aus, dass der Partner
auch positiv ist. Oder er ist negativ (oder ungetestet) und geht davon aus, dass
der Partner (auch) negativ ist. Oder er ist ungetestet und "lässt es drauf
ankommen". Außerdem wissen manche positiven Männer nichts von ihrer Infektion
(weil sie sich nicht haben testen lassen) und nehmen dann fälschlicherweise an,
dass sie negativ sind. Und vielleicht erzählt ein Positiver auch nichts von
seiner Infektion, weil er einen Rückzug des Partners oder seine Ablehnung
fürchtet und eine schöne Situation nicht damit belasten will.
Als HIV-Negativer riskiere ich bei ungeschütztem Sexualverkehr eine
Ansteckung mit HIV. HIV-positiv zu sein ist auch trotz der heutigen
Behandlungsmöglichkeiten eine ernste Sache. Die HIV-Infektion ist eine schwere
chronische Erkrankung, deren Behandlung das Leben häufig stark beeinträchtigt
(z. B. durch Nebenwirkungen). Bei längerer Einnahme können schwere Folgeschäden
auftreten (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leber- und Nervenschädigungen).
Und eine Heilung = Entfernung des Virus aus dem Körper ist auch mit den derzeit
verfügbaren Medikamenten nicht möglich!
Als HIV-Negativer gehe ich auch bei Positiven mit einer Viruslast unter der
Nachweisgrenze ein Infektionsrisiko ein. Zwar ist das Ansteckungsrisiko dann -
statistisch gesehen - geringer als bei hoher Viruslast. Aber die Viruslast
bezieht sich lediglich auf die Zahl der Viruskopien pro Milliliter Blutplasma -
in anderen Körperflüssigkeiten, z. B. im Sperma, kann sie sehr viel höher sein,
und auch über das Blut bleibt ein Ansteckungsrisiko bestehen. Außerdem kann sich
schon durch kleine Infektionen, z. B. durch eine Grippe, und durch andere
Faktoren die Viruslast im Blut und in anderen Körperflüssigkeiten deutlich
erhöhen.
Wenn der Sexualpartner HIV-negativ ist, besteht natürlich kein
HIV-Ansteckungsrisiko. Aber wie sicher kann man sein, dass der Sexpartner
tatsächlich negativ ist? Gerade bei Kontakten, die über das Internet zustande
kommen, stimmt nicht jede Auskunft. Das beginnt beim Alter, geht über gewisse
Maßangaben bis hin zum "negativen" HIV-Status oder der Angabe, "gesund" zu sein.
Damit soll niemand beschuldigt werden, absichtlich andere infizieren zu wollen.
Aber auch ein HIV-negatives Testergebnis hat nur eine begrenzte Aussagekraft,
nämlich, dass ca. 12 Wochen vor der Blutabnahme (!) keine HIV-Infektion
vorgelegen hat. Was nach der Blutabnahme geschehen ist, darüber kann der
HIV-Test keine Aussage treffen. Fazit: Ein HIV-negatives Testergebnis ist keine
sichere Grundlage für ungeschützten Sex, weil ich in der Regel nicht einschätzen
kann, ob der andere nicht in den 12 Wochen vor der Blutabnahme und in der Zeit
nach dem Test HIV-riskante Sexualkontakte hatte - auch wenn er mir noch so
"seriös" erscheint …
Als HIV-Positiver kann ich einen HIV-negativen Sexualpartner mit HIV
infizieren. Auch wenn der HIV-Negative dieses Risiko bewusst in Kauf nimmt, kann
es dennoch belastend für mich sein, andere anstecken zu können. Dennoch
ungeschützten Sex zu haben, ist eine Gewissensentscheidung, die mir niemand
abnehmen kann. Ich sollte mir also vorher überlegen, was es für mich bedeuten
kann, wenn ich einen Sexualpartner infiziere. Aber auch bei Internetkontakten
gilt, dass beide Sexualpartner Verantwortung für sich selbst und für den
anderen tragen. Deshalb sollten sich beide Klarheit darüber verschaffen, welches
Risiko sie gemeinsam zu tragen bereit sind.
Ein HIV-Positiver, der ungeschützten Sex mit einem anderen HIV-Positiven hat,
kann sich zusätzlich mit einem anderen HIV-Virusstamm infizieren. Wie häufig
dies geschieht und welche Folgen dies für den Infektions- oder Krankheitsverlauf
haben kann, ist allerdings derzeit noch ungewiss.
Unabhängig davon, ob man HIV-negativ oder -positiv ist: Beim ungeschützten
Sex ist das Risiko, sich oder den anderen mit einer Geschlechtskrankheit zu
infizieren, sehr viel höher. Dies gilt vor allem für Syphilis, Anal-Tripper und
Hepatitis B und C. Zwar lassen sich Syphilis und Tripper medikamentös behandeln,
doch sind die Infektionen sehr unangenehm und - wenn man(n) HIV-positiv ist -
eine zusätzliche Belastung für das Immunsystem. Eine chronisch verlaufende
Hepatitis B und C kann schwer wiegende gesundheitliche Folgen haben, bis hin zu
Leberversagen und Leberkrebs - egal ob man HIV-positiv ist oder nicht.
Bei HIV-Positiven verlaufen Syphilis sowie Hepatitis B oder C schneller
und schwerer, und die Infektionen sind schwieriger zu behandeln als bei
Negativen. Außerdem belastet eine Hepatitis-Therapie die Leber, die bei Einnahme
von HIV-Medikamenten eh schon stark beansprucht wird. Bei einem HIV-Negativen
erhöht sich überdies das HIV-Infektionsrisiko, wenn er Geschlechtskrankheiten
hat.
Egal ob HIV-positiv oder HIV-negativ: Bei häufig wechselnden Sexualpartnern
sollte man sich unbedingt regelmäßig (z. B. alle sechs Monate) von einem Arzt
oder einer Ärztin seines Vertrauens auf Geschlechtskrankheiten untersuchen
lassen. Das gilt auch, wenn man plötzlich körperliche Veränderungen an sich
wahrnimmt (egal, ob man sexuell besonders umtriebig ist oder nicht). Gegen
Hepatitis A und B gibt es eine Impfung, die sicheren Schutz bietet. Diese
Möglichkeit sollte unbedingt wahrgenommen werden!
Verantwortung beim Sex haben alle beteiligten Sexualpartner - sowohl für sich
selbst als auch für den/die anderen. Nicht jede Entscheidung aber, die ich für
mich selbst treffen würde, ist auch für den/die anderen richtig - und umgekehrt.
Deshalb ist es wichtig, vor dem Sex miteinander zu reden bzw. über Chat oder
E-Mail den HIV-Status und die Risikobereitschaft zu klären. Solche Absprachen
helfen jedem, eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen. Es gibt aber
auch Situationen, in denen einer der Partner weniger oder gar nicht in der Lage
ist, Verantwortung zu übernehmen - z. B., weil er Drogen oder Alkohol genommen
hat oder weil er vor lauter Liebe alles um sich herum vergessen möchte. In
diesem Fall hat der andere Partner dann sicher eine größere Verantwortung - und
fühlt sich "hinterher" wahrscheinlich besser, wenn er für den anderen mitdenkt
und auf riskanten Sex verzichtet.
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Safer Sex ist nicht mehr notwendig, da es ja jetzt Medikamente gibt.
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HIV/AIDS geht doch nur Ältere etwas an.
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Alle machen "Bareback-Sex".
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Falsch! Auch wenn in bestimmten Szenen vielleicht immer häufiger
riskanter Sex praktiziert wird, heißt das noch lange nicht, dass alle
das tun oder gar tun müssen. Jeder muss für sich selbst entscheiden,
welches Risiko er einzugehen bereit ist.
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Der andere wird mir schon sagen, ob er positiv oder negativ ist.
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Falsch! Untersuchungen zeigen, dass sowohl HIV-Positive als auch
HIV-Negative davon ausgehen, dass ihr Sexualpartner sie über seinen
HIV-Status informiert. Dies geschieht aber häufig nicht. Viel häufiger
wird einfach die für einen selbst "günstigste" Konstellation angenommen.
(Klartext: Wenn ich positiv bin und der andere besteht nicht auf Safer
Sex, gehe ich davon aus, dass er auch positiv ist. Oder umgekehrt: Wenn
ich negativ oder ungetestet bin und der andere nicht auf Safer besteht,
gehe ich davon aus, dass er auch negativ ist. Daher gilt: Nur die offene
Frage, ob der andere positiv oder negativ ist, kann die Situation im
Vorfeld klären!
Text: Deutsche AIDS-Hilfe, September 2003
www.aidshilfe.de