Neues zum mittlerweile breit diskutierten Übertragungsrisiko von HIV unter einer wirksamen antiretroviralen Therapie (ART, HAART)
In einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat sich eine Gruppe von Frankfurter Forschern und Schwerpunktärzten kritisch zu den in letzter Zeit von der EKAF (Eidgenössische Kommision für Aids-Fragen) "Keine Ansteckung unter ART?" herausgebenen "Robert-Koch-Institut ist in seinen Ratschlägen für infizierte Patienten deutlich vorsichtiger.
Zum jetzigen Zeitpunkt scheint es wohl eher so zu sein, als ob es doch ein Übertragunsrisiko von HIV selbst unter einer gut wirkenden ART und der Erfüllung der in dem schweizer Artikel genannten weiteren Voraussetzungen.
|
Aidstherapie ist kein ausreichender HIV-Schutz
In seinem Artikel „Gib Gummi!“ (F.A.Z. vom 19. Juni) diskutiert Peter-Philip Schmitt den aktuellen Stand der HIV-Prävention in Deutschland und nimmt Stellung zu neuen Präventionsansätzen aus der Schweiz. Der Gebrauch von Kondomen als aktuell erfolgversprechendste Strategie wird glücklicherweise wieder im Rahmen einer neuen Aidskampagne propagiert. Auf der anderen Seite muss man sich schon fragen, ob die aktuellen Präventionsstrategien noch zeitgemäß sind.
Die Schweizer Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für AIDS-Fragen bieten hier sicherlich neue Ansatzmöglichkeiten, sind jedoch in der Art und Weise, wie sie kommuniziert werden, mit größter Vorsicht zu betrachten. Denn der plakative Titel „HIV-infizierte Menschen ohne andere Geschlechtskrankheiten sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös“ erweckt den Eindruck, es handele sich um eine allgemein gültige Strategie für alle Betroffenen. Jedoch stützten sich die Schweizer Empfehlungen – wie in dem Artikel korrekt dargestellt – auf epidemiologische Studien bei heterosexuellen Paaren, während vergleichbare Studien bei Homosexuellen fehlen; die HIV-Aufnahme von Zellen des Vaginal- und Rektalepithels mag durchaus unterschiedlich sein.
Des Weiteren berufen sich die Verfasser bei der Kalkulation des Transmissionsrisikos auf die Beobachtung, dass bis dato kein Fall einer Übertragung unter Einhalten der genannten Bedingungen – mindestens sechs Monate suppressive HIV-Therapie, konsequent eingenommen und vom Arzt kontrolliert sowie keine weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten – in der Literatur vermerkt ist. Und gerade zu diesen Punkten gibt es aus wissenschaftlicher Sicht vieles zu hinterfragen.
Im Rahmen einer erfolgreichen antiretroviralen Therapie wird die Virusmenge im Blut nur alle drei Monate kontrolliert. Wie sicher ist es, dass es innerhalb dieser drei Monate nicht doch zu einem kurzzeitigen Anstieg kommt? Wie sicher ist es, dass durch jede Medikamentenkombination (es gibt aktuell mehr als zwanzig zugelassene Einzelsubstanzen in Deutschland) HIV in den Genitalflüssigkeiten nicht vorhanden ist, wenn gleichzeitig im Blut nicht mehr nachweisbar? Eine routinemäßige Messung der Virusmenge im Sperma ist nicht vorgesehen.
Ferner gibt es aktuell hier in Frankfurt einen klinischen Fall, bei dem es trotz der Einhaltung der Schweizer Kriterien zu einer Transmission gekommen ist. Bei diesem Fall handelt es sich um ein initial serodiskordantes homosexuelles Paar: Der Indexpatient ist seit mehreren Jahren erfolgreich antiretroviral behandelt, und der initial HIV-negative Partner hatte seinen letzten negativen HIV-Test zu einer Zeit, als im Blut seines positiven Partners schon zwei Jahre kein Virus mehr nachweisbar war.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es zu gewagt ist, jeden HIV-Infizierten unter einer erfolgreichen antiretroviralen Therapie als sexuell nicht infektiös einzuschätzen. Der gezeigte HIV-Transmissionsfall und die weiteren genannten Kritikpunkte sprechen weiterhin für den Gebrauch von Kondomen im Rahmen der allgemeinen Prävention und dafür, der Schweizer Empfehlung nicht zu folgen.
PD Dr. phil. nat. Dr. med. habil. Martin Stürmer Dr. med. Peter Gute Prof. Dr. med. Lutz Gürtler Prof. Dr. med. Hans W. Doerr
MS, LG, HWD: Institut für Medizinische Virologie Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Paul-Ehrlich-Str. 40 60596 Frankfurt
PG: Infektiologikum Frankfurt-City, Friedensstr. 2, 60311 Frankfurt
|