Michael Bochow befragte im Rahmen seiner neuesten Untersuchung, die im Jahr 2003 in Deutschland durchgeführt wurde, insgesamt 4.750 Personen. 2.261 davon beteiligten sich an der Onlinebefragung im Internet.
70% der Teilnehmer gaben an, dass sie in den vorhergehenden zwölf Monaten keine Risikokontakte, also ungeschützten Analverkehr mit einem Partner mit unbekanntem beziehungsweise anderem HIV-Testergebnis, hatten. Vergleicht man diese Angabe mit jenen der Jahre davor, ist zu erkennen, dass zunehmend mehr Männer ein Risiko eingehen, sich mit HIV zu infizieren, als früher. 1999 gaben 72% an keine solchen Risikokontakte gehabt zu haben, 1996 waren es gar noch 76%. „Wir können also eine leichte Tendenz zur zunehmenden Risikobereitschaft beobachten“, meint Bochow: „Das ist kein dramatischer, aber ein steter Anstieg unsafen Verhaltens, den es ernst zu nehmen gilt.“
Hier die Vergleichsdaten der vergangenen Erhebungen über den Prozentsatz der schwulen Männer, die in den vergangenen 12 Monaten keine Risikokontakte hatten:
1981 61 % 1988 63 % 1991 69 % 1992 76 % 1996 76 % 1999 72 % 2003 70 %
Der derzeitige Wert liegt in der Mitte zwischen dem niedrigsten Wert aus dem Jahre 1981 und den besten Werten der Jahre 1992 und 1996. Das hohe Niveau an Safer Sex-Verhalten der 90er Jahre ist überschritten, unsafes Verhalten nimmt zu. Alter, Liebe und soziale Ungleichheit als Hauptrisikofaktoren Wieso das Schutzverhalten schwuler Männer abnimmt, versucht Bochow anhand interessanter Thesen zu erklären. So meint er, dass das Risikoverhalten “den Jüngeren oft vollkommen ungerechtfertigt in die Schuhe geschoben wird”. Mehr als 30 % der jüngeren schwulen Männer unter 30 Jahre praktizieren keinen Analverkehr. Zu unsafem Sex neigen vor allem die 30-44 Jährigen.
Zu vielen Infektionen kommt es durch ein nicht funktionierendes Risikomanagement in Paarbeziehungen. Je länger zwei Männer ein Paar sind, desto eher handelt es sich dabei um keine monogame Beziehung mehr. Bei 4/5 der Kurzbeziehungen bis zu 6 Monate leben beide Partner monogam, während 4/5 der Paare nach über vier Jahren eine offene Beziehung haben. Darüber hinaus nimmt das Schutzverhalten bei One-Night-Stands ab. Was dazu führt, dass viele schwule Männer sowohl in der Beziehung als auch außerhalb der Beziehung Sex ohne Kondom haben. “Liebe” wird in der Paardynamik demzufolge oft zum Risikofaktor.
Wie schon in früheren Studien zeigt sich, dass es schichtspezifische Unterschiede gibt, und dass Schwule mit einem Migrationshintergrund besonders gefährdet sind: 19 % der HIV-positiven Männer kommen aus der Unterschicht. HIV-Infizierte zunehmend unsafe Der Anteil der HIV-positiven Männer, die ohne Risikokontakte leben, hat in den letzten Jahren dramatisch abgenommen:
1996 62 % 1999 56 % 2003 47 %
Diese Zahlen sind vor dem Hintergrund real existierender Ausgrenzung und Stigmatiserung von HIV-infizierten schwulen Männern in der eigenen Szene zu sehen. Prävention für HIV-Positive gilt somit als ein zentraler Handlungsbereich der heutigen Prävention.
In Deutschland infizieren sich pro Jahr 1.000 schwule Männer neu mit HIV an, in Österreich sind es geschätzte 150. Damit bleibt HIV/AIDS trotzt der verbesserten Behandlungsmöglichkeiten eine akute Gesundeiheitsbedrohung für schwule Männer. Um die Werte der 90er Jahre wieder zu erreichen, wird es in Zeiten des “neuen AIDS” Anstrengungen der ganzen Szene brauchen.
© Die AIDS-Hilfen Österreichs, 2004 Text: Dr. Sigrid Ofner |